Wenn Wasserlassen zum Problem wird

Wenn der Toilettengang zur Belastung wird, steckt nicht selten eine behandelbare Erkrankung dahinter. Prof. Dr. Maximilian Burger, Chefarzt der Urologie am Caritas-Krankenhaus St. Josef, spricht im Interview über Prostata, Inkontinenz, moderne Therapien und darüber, warum man Beschwerden beim Wasserlassen nicht einfach hinnehmen sollte.

Prof. Burger im Interview

Herr Professor Burger, als Chefarzt der Klinik für Urologe am Caritas-Krankenhaus St. Josef haben Sie nahezu täglich mit Menschen zu tun, für die Wasserlassen und -halten keine alltäglichen Angelegenheiten mehr sind. Wann wird daraus ein medizinisches Problem? 
Prof. Burger: Wasserlassen und -halten sind gute Gradmesser für die Gesundheit von Blase, Prostata und Beckenboden. Aufmerksam werden sollte man, wenn sich das Gewohnte deutlich verändert: wenn der Harnstrahl schwächer wird, man nachts mehrfach zur Toilette muss, ständig Harndrang verspürt oder Urin verliert. Allgemein gesagt ist es so, dass bei den Männern oft der Harndrang zunimmt, sich aber der Harnstrahl abschwächt. Bei den Frauen nimmt der Harndrang zu und das Wasserhalten klappt nicht mehr zuverlässig. All das sollte man mit dem Hausarzt oder Urologen besprechen. Und Blut im Urin ist immer ein Warnzeichen, das unbedingt abgeklärt werden sollte. 
 

Was viele vielleicht gar nicht so leicht ansprechen wollen? Es ist eine intime Angelegenheit. 
Kein Betroffener, keine Betroffene braucht sich zu schämen. Es ist für Ärzte und insbesondere Urologinnen oder Urologen eine ganz normale medizinische Frage, was hinter den Phänomenen steckt. Probleme lassen sich heute meist sehr gut behandeln, oft auch mit ganz einfachen Maßnahmen. Entscheidend ist aber, die genaue Ursache zu kennen. 
 

An welche Erkrankung denken Sie? 
An eine gutartige Prostatavergrößerung, eine überaktive Blase, an Harnwegsinfekte, Senkungsbeschwerden, an Harnsteine oder, seltener, können es auch Tumorerkrankungen sein. 
 

Bei Männern fällt dann oft die Prostata als Schlagwort. Was genau ist das Problem ihr? 
Mit zunehmendem Alter wächst sie bei vielen Männern. Das ist zunächst nichts Bösartiges. Problematisch wird es, wenn die vergrößerte Prostata die Harnröhre einengt. Dann muss die Blase gegen einen höheren Widerstand arbeiten. Ein schwacher Harnstrahl, Startschwierigkeiten, Nachtröpfeln oder stärkerer Harndrang und häufigeres nächtliches Wasserlassen sind die Folge. Viele Männer arrangieren sich leider sehr lange damit; was sie nicht müssten oder sollten. 
 

Wie wichtig, ist es, schnell zu handeln? 
Falls eine ernste Erkrankung vorliegt, Prostatakrebs zum Beispiel, ist es sehr wichtig, sie im frühen Stadium zu entdecken! Die Behandlung ist in aller Regel unproblematisch und es besteht Erfahrung. Beispielsweise sind wir im Caritas-Krankenhaus St. Josef auf die Behandlung und Operation von Prostatakarzinomen spezialisiert, und bei den Patientenzahlen - laut Bundesklinikatlas - unter den Top 5 der deutschen Krankenhäuser. Mit unseren beiden DaVinci-OP-Robotersystemen setzen wir zudem auf modernste und schonende Techniken. Die Therapie ist also meist kein Problem, Verdrängen hingegen ist lebensbedrohlich! 
 

In der Urologie, so die landläufige Meinung, werden nur Männer behandelt. Das stimmt gar nicht, oder? 
Nein, das ist ein Gerücht, das sich leider hartnäckig hält. Die Urologie behandelt natürlich Männer, aber zu unserem Fachgebiet gehören neben den männlichen Geschlechtsorganen auch der Harntrakt von Mann und Frau, also Niere, Harnleiter, Blase, und Beckenboden. 
 

Bleiben wir bei den Frauen: Bei ihnen geht es oft weniger darum, dass kein Urin fließt, sondern im Gegenteil, dass er ungewollt kommt. 
Ja, bei Frauen sehen wir häufig einen ungewollten Urinverlust, etwa beim Husten, Lachen, Niesen oder beim Sport. Wir sprechen hier von einer Belastungsinkontinenz. Die Ursache liegt oft im Beckenboden und im Verschluss der Harnröhre. Der Beckenboden ist ein komplexes System aus Muskeln, Bindegewebe und Nerven. Er trägt die Beckenorgane und hilft, die Kontinenz zu sichern. Schwangerschaften, Geburten, hormonelle Veränderungen, Übergewicht, schwere körperliche Belastung oder eine generelle Bindegewebsschwäche können dieses System beeinträchtigen. Auch eine überaktive Blase kann zu Harninkontinenz führen. 


Wann sollten Frauen zum Arzt gehen? 
Spätestens dann, wenn der Urinverlust den Alltag beeinflusst. Wenn Frauen Sport vermeiden, dunkle Kleidung tragen, ständig Einlagen dabeihaben oder sich aus sozialen Situationen zurückziehen, ist das ein Signal. Dringend abgeklärt werden sollten Blut im Urin, Schmerzen, wiederkehrende Harnwegsinfekte oder wenn plötzlich sehr starker Harndrang entsteht. 
 

Wie geht es dann weiter? 
Zunächst mit konservativen Maßnahmen, Beckenbodentraining etwa, Physiotherapie, Gewichtsreduktion, Behandlung von Husten oder Verstopfung, sowie Medikamenten. Wenn das keine Linderung bringt, ist ein kleiner Eingriff denkbar, in dem eine kleine Schlinge um die mittlere Harnröhre platziert wird. Sie verhindert ungewollten Urinverlust, verwächst mit dem Gewebe und verursacht keine Narben. In St. Josef wird dieser Eingriff minimalinvasiv vorgenommen. 
 

Zuletzt die Frage nach der Prävention. Kann ich etwas dazu beitragen, damit meine Blase und Harnwege möglichst lange gesund bleiben? 
Für Blase und Nieren ist es wichtig, eher mehr als weniger zu trinken, möglichst Wasser oder Tees; etwa 2 Liter pro Tag sind eine gute Orientierung. Beckenbodentraining ist hilfreich sowie Bewegung im Allgemeinen, und auch ein normales Gewicht. Das alles ist übrigens auch für den Rest des Körpers gut.

Herr Prof. Burger wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

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