Wenn aus einer kleinen Wunde ein Notfall wird

Es beginnt oft unscheinbar. Ein kleiner Schnitt beim Kochen, ein aufgekratzter Mückenstich, eine harmlose Verletzung im Alltag. Vielleicht rötet sich die Stelle, schmerzt ein wenig – nichts, was zunächst Anlass zur Sorge gibt. Doch in seltenen Fällen kann sich daraus innerhalb weniger Stunden eine lebensbedrohliche Infektion entwickeln: die nekrotisierende Fasziitis.

Prof. Prantl im Porträt

Die Erkrankung ist selten, aber gefürchtet. Denn sie breitet sich rasend schnell aus und wird in der Frühphase nicht immer sofort erkannt. „Das Heimtückische ist, dass die Beschwerden anfangs oft nicht dramatisch wirken“, sagt Prof. Dr. Dr. Lukas Prantl, Direktor der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Caritas-Krankenhaus St. Josef. „Gleichzeitig kann die Infektion im Körper bereits massiv voranschreiten.“

Typisch ist ein Verlauf, bei dem die Schmerzen plötzlich stark zunehmen – oft deutlich stärker, als es der sichtbare Befund vermuten lässt. Die Haut kann sich spannen, überwärmen oder verfärben, später bilden sich Blasen, das Gewebe wirkt dunkel oder abgestorben. Hinzu kommen Fieber, Schüttelfrost und ein rasch schlechter werdendes Allgemeinbefinden. Für Betroffene ist das oft ein dramatischer Wendepunkt. 

Auslöser sind meist Bakterien, die über kleinste Verletzungen in den Körper gelangen. Anders als bei einer oberflächlichen Entzündung breiten sie sich entlang der sogenannten Faszien aus – feinen Bindegewebsschichten, die Muskeln und Organe umhüllen. Dort finden die Erreger ideale Bedingungen, um sich schnell zu vermehren. Die Folge ist eine aggressive Infektion der Weichteile: Das Gewebe wird nicht mehr ausreichend durchblutet, stirbt ab, Giftstoffe gelangen in den Kreislauf. In kurzer Zeit kann sich daraus eine schwere systemische Entzündungsreaktion entwickeln, die den gesamten Organismus belastet. „Gerade diese Dynamik macht die Erkrankung so gefährlich“, erklärt Prof. Prantl. „Was am Morgen noch wie eine lokale Entzündung aussieht, kann sich im Laufe des Tages zu einem intensivmedizinischen Notfall entwickeln.“

Warnzeichen ernst nehmen
Für Laien ist es nicht immer einfach, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Umso wichtiger ist es, auf bestimmte Signale zu achten. Dazu gehören vor allem:

  • ungewöhnlich starke, zunehmende Schmerzen
  • eine rasche Ausbreitung von Rötung oder Schwellung
  • Hautveränderungen wie Blasen oder dunkle Verfärbungen
  • Fieber und ein deutlich reduzierter Allgemeinzustand

Entscheidend ist dabei weniger ein einzelnes Symptom als die Geschwindigkeit, mit der sich die Situation verschlechtert. „Wenn Beschwerden nicht zum gewohnten Verlauf passen oder sich sehr schnell verschlimmern, sollte man nicht zögern, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen“, betont Prantl. „Im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh als zu spät.“

Besteht der Verdacht auf eine nekrotisierende Fasziitis, zählt jede Stunde. Betroffene müssen umgehend in ein Krankenhaus eingewiesen werden, häufig auf eine Intensivstation. Die Behandlung erfolgt in mehreren Schritten – und ist immer ein Wettlauf gegen die Zeit. Zum einen werden hochdosierte Antibiotika eingesetzt, um die Bakterien zu bekämpfen. Entscheidend ist jedoch vor allem die chirurgische Therapie. „Das zentrale Prinzip lautet: infiziertes und abgestorbenes Gewebe muss konsequent entfernt werden“, erklärt der Experte. „Nur so lässt sich die Ausbreitung stoppen.“ Oft sind mehrere Operationen notwendig, um sicherzustellen, dass keine infizierten Bereiche zurückbleiben. In schweren Fällen kann das auch größere Gewebedefekte bedeuten, die später wieder rekonstruiert werden müssen. 

Warum Erfahrung entscheidend ist
Die Behandlung der nekrotisierenden Fasziitis erfordert ein hohes Maß an Erfahrung und eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen. Spezialisierte Zentren können hier einen entscheidenden Unterschied machen. Am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg ist ein solches Zentrum etabliert, das auf die Versorgung schwerer Weichteilinfektionen ausgerichtet ist. Von der schnellen Diagnosestellung über die operative Therapie bis hin zur Rekonstruktion werden Patientinnen und Patienten interdisziplinär betreut. Zusätzlich besteht in St. Josef die Möglichkeit der hyperbaren Sauerstofftherapie. Dabei atmen Patientinnen und Patienten in der hauseigenen HBO-Druckkammer reinen Sauerstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck ein. Ziel ist es, die Sauerstoffversorgung des geschädigten Gewebes zu verbessern, das Wachstum bestimmter Bakterien zu hemmen und die Heilung zu unterstützen. „Diese zusätzliche Therapie kann in ausgewählten Fällen ein wichtiger Baustein sein, um die Behandlung zu optimieren“, sagt der Experte.
„Unser Ziel ist es, die Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen und ohne Zeitverlust die richtigen Schritte einzuleiten. Gleichzeitig begleiten wir die Betroffenen auch über die akute Phase hinaus.“

Selten – aber ernst zu nehmen
Auch wenn die nekrotisierende Fasziitis in der öffentlichen Wahrnehmung oft als „Fleischfresser-Bakterien“-Infektion bezeichnet wird, bleibt sie insgesamt eine seltene Erkrankung. Die allermeisten kleinen Wunden heilen problemlos ab.

Dennoch zeigt sie eindrücklich, wie wichtig ein aufmerksamer Umgang mit dem eigenen Körper ist. Wer Veränderungen bemerkt, die ungewöhnlich erscheinen oder sich rasch verschlechtern, sollte nicht abwarten. Denn im Ernstfall gilt: Schnelles Handeln kann Leben retten.

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