Ein Griff ins Regal, das Anheben einer Tasche, eine unbedachte Bewegung: Für Marius S. (Name von der Redaktion geändert) konnten selbst alltägliche Handgriffe schmerzhaft werden. Seine rechte Schulter glitt immer wieder nach hinten aus dem Gelenk. Ihm fehlten Kraft, Sicherheit und zunehmend auch das Vertrauen in den eigenen Körper.
Die Ursache war eine seltene, angeborene Fehlbildung. Der hintere Rand der Schulterpfanne war bei dem damals 26-Jährigen nicht vollständig ausgebildet. Dem Kopf des Oberarmknochens fehlte dadurch der notwendige knöcherne Halt.
Bereits bei einer früheren Operation hatten Ärzte versucht, die Gelenkpfanne mit einem Stück Knochen aus dem Beckenkamm zu verstärken. Zunächst schien der Eingriff erfolgreich. Doch in den folgenden Monaten baute der Körper einen Teil des verpflanzten Knochens wieder ab. Die Schulter von Marius S. wurde erneut instabil.
Ein Transplantat mit eigener Blutversorgung
Die Teams um Priv.-Doz. Dr. Paul Schmitz, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, und Prof. Dr. Dr. Lukas Prantl, Direktor der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, suchten deshalb nach einem anderen Weg. Ihr Ziel: ein Knochentransplantat, das dauerhaft mit Blut versorgt wird – und dadurch bessere Voraussetzungen hat, fest einzuheilen und seine Substanz zu behalten. Die Ärzte entschieden sich für ein etwa vier Zentimeter langes Knochenstück vom seitlichen Rand des Schulterblatts. Anders als bei einem frei entnommenen Transplantat blieben die zugehörigen Blutgefäße erhalten.
„Wir brauchten nicht nur zusätzlichen Knochen“, sagt der Unfallchirurg. „Das Transplantat musste zuverlässig durchblutet bleiben, damit es einheilt, seine Stabilität behält und der Schulter langfristig Halt geben kann.“ Vor dem Eingriff wurde die Operation anhand von Computertomografie-Aufnahmen dreidimensional geplant. Ein 3D-Druck des Schulterblatts in Originalgröße half dem Team, Form, Größe und Position des benötigten Knochenstücks präzise festzulegen.
Während der Operation lösten die Ärzte das Transplantat vorsichtig aus dem Schulterblatt, ohne die versorgenden Gefäße zu durchtrennen. Anschließend schwenkten sie es an den unterentwickelten hinteren Rand der Gelenkpfanne und befestigten es dort mit zwei Schrauben.
Nach zwei Jahren fest eingeheilt
Nach dem Eingriff wurde die Schulter von Marius S. sechs Wochen lang ruhiggestellt. Danach begann die schrittweise Rehabilitation. Beweglichkeit und Kraft verbesserten sich deutlich.
Die Kontrolle zwei Jahre später zeigte: Das durchblutete Knochenstück war fest mit der Gelenkpfanne verwachsen. Anders als das zuvor eingesetzte Transplantat hatte es sich nicht erkennbar abgebaut. Der angeborene Defekt blieb stabil ausgeglichen.
Das Verfahren ist keine Standardoperation und kommt nur für sorgfältig ausgewählte Patientinnen und Patienten infrage. Die innovative OP-Technik nach „Lamby-Schmitz“ wurde inzwischen in einem internationalen Fachjournal veröffentlicht A local vascularized scapula bone graft to treat posterior glenohumeral instability—an innovative surgical technique - JSES Reviews, Reports & Techniques). Weitere Erfahrungen müssen nun zeigen, wann die Methode langfristig sinnvoll ist.
„Bei seltenen Fehlbildungen gibt es häufig keine Lösung von der Stange“, sagt Priv.-Doz. Dr. Schmitz. „Entscheidend sind eine genaue Analyse der individuellen Anatomie, eine präzise Planung und die wissenschaftliche Überprüfung neuer operativer Wege.“
















